
Kurze Geschichte der Raabe-Gesellschaft
Heinrich Detering
Wohl nur wenige literarische Gesellschaften Deutschlands sind im Laufe ihrer Geschichte solchen Missverständnissen ausgesetzt gewesen wie die Raabe-Gesellschaft – und wohl nur wenige haben seit ihrer Gründung eine so tiefgreifende Wandlung vollzogen wie sie. 1911, kurz nach Raabes Tod, von einer Gruppe Braunschweiger Honoratioren um den Schulrat und Schriftsteller Wilhelm Brandes als »Gesellschaft der Freunde Wilhelm Raabes« gegründet, verstand sie sich für lange Zeit gerade nicht als eine literarische Gesellschaft, sondern eher als eine Art Weltanschauungs-Gemeinschaft, ja als Gemeinde um den (so Brandes) »Führer« und »Seher« Raabe. Nicht das poetische Werk ihres Namenspatrons selbst sollte im Mittelpunkt ihres Wirkens stehen, sondern eine vermeintlich daraus abgeleitete, weithin freilich von den Vorstellungen Brandes` und seiner Mitstreiter bestimmte »Raabe-Sache«: Propagierung und Praktizierung einer nationalkonservativ-antimodernen Lebensauffassung um Grundwerte wie Volkstum, Gemüthaftigkeit, Innerlichkeit. Nicht nur mit Raabes eigenen politischen und ästhetischen Vorstellungen waren solche Zielsetzungen schwerlich vereinbar, sondern auch mit denen mancher Kenner seiner Person und seines Werks: Schriftsteller wie Wilhelm Jensen, trotz vielfältiger Differenzen einer der engsten Freunde des Dichters, Künstler wie Hans Thoma, Germanisten wie Otto Behaghel, Albert Köster und Wilhelm Kosch blieben gerade wegen ihrer Anteilnahme an Raabes Werk der Brandesschen Gesellschaft fern. Ihre Versuche, von sich aus eine andere, sich vordringlich literarisch-wissenschaftlich verstehende Raabe-Gesellschaft ins Leben zu rufen, scheiterten am Widerstand der Braunschweiger Gründer. Die beginnende wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Raabeschen Texten, die der greise Dichter selbst noch ermutigt hatte (ausgerechnet anhand einer Dissertation über seine jüdisch-christliche Toleranznovelle »Holunderblüte«), fand so auf lange Zeit weithin außerhalb der Raabe-Gesellschaft und oft genug in Absetzung von dem in ihr propagierten konservativen bis reaktionären Raabe-Bild statt.
Es lag in der Konsequenz dieser frühen Fehlentwicklungen, dass weite Teile der Gesellschaft ab 1933 bereitwillig zum Faschismus konvertierten und ihre eigene Gleichschaltung fast übereifrig betrieben, Kritiker und Andersdenkende wie den Schriftleiter ihrer »Mitteilungen«, Constantin Bauer, oder den jüdischen Literaturhistoriker und Raabe-Kenner Heinrich Spiero hingegen von sich stießen. Freilich: Diese und die ihnen vorangegangenen »Abtrünnigen und Widerspenstigen, diese Abweichler und Eigenbrödler haben nicht nur die Ehre der Raabe-Gesellschaft gerettet, die von den nationalsozialistischen Anführern und Mitläufern preisgegeben worden war; diese Dissidenten vermochten auch ein Kapital anzusammeln und weiterzugeben, mit dem sich nach der Zerschlagung des >Dritten Reiches< wuchern ließ: die Einsicht nämlich, dass die Raabe-Gesellschaft dem literarischen Werk Raabes zu dienen hat und es nicht in den Dienst eigener Interessen und selbstsüchtiger Zwecke stellen darf« so der Literaturwissenschaftler Horst Denkler in seinem Vortrag auf der Jubiläumstagung der Gesellschaft 1986 in Köln.
In der Tat setzte nach 1945, mit zunehmender Intensität in den fünfziger und zumal den sechziger Jahren ein Prozess radikalen Umdenkens und selbstkritischer Besinnung ein, der im nachdrücklichen Bewussthalten der Verfehlungen auch der eigenen Geschichte das Selbstverständnis und das Erscheinungsbild der Gesellschaft grundlegend veränderte. Aus der »Gesellschaft der Freunde Wilhelm Raabes« wurde die »Raabe-Gesellschaft«, aus der Gemeinde eine Gesellschaft von Lesern und Forschern. Das geistige Erbe von Raabe-Forschern wie Georg Lukás oder Romano Guardini wurde nun zunehmend rezipiert und fortgeführt innerhalb der Gesellschaft selbst. Wie in der modernen Realismusforschung, so erschien auch hier (mit der Formel Hermann Helmers` von 1968) »Raabe in neuer Sicht«. Dieser Wandel ist auch ablesbar an Veränderungen in der Struktur der Gesellschaft: Seitdem ist zu den in den Ortsvereinigungen organisierten Mitgliedern eine wachsende Zahl von Einzelmitgliedern hinzugekommen, darunter vor allem auch Realismusforscher und –interessierte aus dem Bereich der Germanistik – und zwar weit über die einstigen regionalen und nationalen Grenzen hinaus: Den vormals dominierenden niedersächsischen Zentren sind Ortsvereinigungen in West- und Süddeutschland an die Seite getreten; neue Mitglieder der Gesellschaft kommen aus Großbritannien oder der Schweiz, aus Japan oder den USA.
Diese Entwicklungen haben sich längst schon auch in der Arbeit der Gesellschaft niedergeschlagen: Über die traditionellen »Mitteilungen« hinaus (die nun neben Beiträgen zu literarhistorischen Fundstücken vor allem der Verständigung innerhalb der Gesellschaft vorbehalten sind) gibt sie seit 1960 das »Jahrbuch der Raabe-Gesellschaft« heraus, das inzwischen mit seinen wissenschaftlichen Aufsätzen, Rezensionen und bibliographischen Arbeiten zu einem wesentlichen Organ nicht nur der Raabe-, sondern darüber hinaus der allgemeinen Realismusforschung geworden ist. Besonders markant zeigt sich das gewandelte Bild Raabes wie der seinen Namen tragenden Gesellschaft in den beiden Internationalen Symposien zur Raabe-Forschung, die sie 1981 in Wolfenbüttel und 1987 in Berlin veranstaltet hat: Gelehrte aus der Bundesrepublik, der DDR, Dänemark, Australien, den USA, den Niederlanden, Großbritannien, Japan, Jugoslawien, Irland und der Schweiz diskutierten dort in öffentlichen Vorträgen und Kolloquien über Aspekte des Raabeschen Werks. Bei aller Unterschiedlichkeit war ihnen jedenfalls dies gemeinsam: dass sie im Gegensatz zu den Anfängen der Raabe-Forschung, im Gegensatz auch zu den Anfängen der Raabe-Gesellschaft, den Schriftsteller Wilhelm Raabe als einen Realisten erkennen ließen, der »als zukunftsweisend, als einer der wenigen deutschen Realisten« gelten muss, »die in ihren Spitzenleistungen literarischen Weltrang erreicht haben «(Hans-Jürgen Schrader). Diese Leistungen genauer zu verstehen, ihre ästhetischen Qualitäten zu ermitteln, ihren historischen Standort zu begreifen – und ihr Ethos praktischer Humanität, Toleranz und ökologischer Verantwortung wach zu halten und weiterzuvermitteln: das sind Aufgaben, die sich und denen sich die Raabe-Gesellschaft heute stellt.
Damit ist sie keineswegs zu einer ausschließlich akademischen Einrichtung geworden. Im Gegenteil: es kommt ihr nach wie vor wesentlich darauf an, neue wissenschaftliche Einsichten zusammen zu bringen mit dem Interesse derjenigen Raabe-Freunde, die sich nicht vordringlich als wissenschaftlich Interessierte mit diesem Autor beschäftigen, sondern einfach aus Liebe zu seinem Werk. Lesekreise und gesellige Veranstaltungen auf der einen, wissenschaftliche Vorträge und Diskussionen auf der anderen Seite stehen nicht unverbunden neben- oder gar gegeneinander, sondern werden vielfältig miteinander vermittelt. Sowohl innerhalb der Arbeit der einzelnen Ortsvereinigungen (die in der Planung und Durchführung von Veranstaltungen weitgehend selbständig sind) als auch in den jährlichen Tagungen der gesamten Gesellschaft sind wissenschaftliche Vorträge, Lesungen, Exkursionen längst ebenso selbstverständlich geworden wie die Traditionen von Lese- und Gesprächskreisen. Dabei soll mit vielfältigen Veranstaltungen zu Werken anderer Autoren des Realismus, zur Literatur früherer Epochen wie zu Texten der Moderne der satzungsgemäße Anspruch eingelöst werden, über die Beschäftigung mit dem Werk Wilhelm Raabes hinaus auch »kulturgeschichtlich und aktuell bedeutende Leistungen anderer Autoren und Künstler« zur »literarischen Standortbestimmung« in den Blick zu nehmen. Die Raabe-Gesellschaft ist heute, vielleicht mehr denn je, eine Gesellschaft von Raabe-Forschern und Raabe-Freunden, von Gelehrten und Lesern.
(aus: Literarische Gesellschaften in Deutschland. Ein Handbuch mit Einzeldarstellungen in Texten und Bildern. Hg. von der Arbeitsgemeinschaft Literarischer Gesellschaften e.V. Zusammengestellt und bearbeitet von Sven Arnold, Berlin 1991, S. 213 – 215)
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